Catharinus Dulcis: Biographische Skizze

Catharinus Dulcis, erster Professor der französischen und italienischen Sprache an der Philipps-Universität Marburg

Vor 380 Jahren, am 6. oder 7. Juni 1626 (die Biographen sind sich uneins), verstarb Catharinus Dulcis, der von Landgraf Moritz zunächst ans Collegium Mauritianum in Kassel, später dann als ordentlicher Professor an die Philipps-Universität Marburg berufen worden war. Damit war Dulcis wohl der erste, der an einer deutschen Universität die beiden Sprachen Italienisch und Französisch nicht als relativ schlecht bezahlter und nur wenig geachteter Sprachmeister, sondern im Range und mit dem Einkommen eines Professors unterrichten konnte.

Beide Sprachen waren Gegenstand einer soliden Ausbil­dung eines jeden Edelmannes und fanden lange vor dem Englischen und Spanischen Ein­gang in Universitäten und Collegien. Als Lehrer junger Adeliger bereiste Dulcis fast ganz Europa und war Gast bei Wissenschaftlern, Adeligen, Königen und Kaisern. Die kurz vor seinem Tod auf Lateinisch verfassten Lebenserinnerungen, die fast dreihundert Jahre später in deutscher Übersetzung erscheinen, halten die wichtigsten Stationen seines Lebens fest.

Zu Beginn heißt es: "Katharinus Dulcis ist zu Cruseilles von angesehenen Eltern im Jahre 1540 geboren". Cruseilles ist ein Ort in Savoyen, zwischen Genf und Annecy gelegen, und dort nimmt Dulcis' Ausbildung ihren Anfang. Recht schnell jedoch packt ihn die Reiselust, und er zieht durch Frankreich und Italien; in Konstantinopel begegnet er Sultan Süleiman. "Der Trieb", wie er schreibt, "noch mehr von der Welt zu sehen", führt ihn weiter nach Thessaloniki und nach Samos. Auf einer türki­schen Galeere wird er als Ruderknecht gefangen gehalten und kommt nur dank der Vermittlung durch den französischen Gesandten wieder frei. Auf Kreta dient er einige Monate als Söldner. Er reist nach Alexandria und weiter nach Zypern, das noch Teil des venezianischen Hoheitsgebietes ist. Hier verweilt er ein gutes Jahr und entbrennt, wie in den Erinnerungen zu lesen steht, "in züchtigem Verlangen nach der wunderschönen Jungfrau Chrysodigitria", mit der er sich "durch festen Ehebund zu vereinigen wünschte; doch ward seine Hoffnung durch das unerwartete Absterben dieser Blume vereitelt".

Einen Angriff des Osmanischen Reiches fürchtend, verlässt er Zypern und reist über Venedig nach Wien, wo er am Kaiserlichen Hof empfangen wird. Auch Wien verlässt er recht bald wieder und gelangt über Ungarn nach Mähren; dort wird er mitten im Winter seines Pferdes, seines Geldes und seiner Kleider beraubt. Doch unaufhaltsam zieht es ihn weiter: Schlesien, Polen, Litauen, Pommern und Mecklenburg sind die nächsten Stationen, bevor er den dänischen Astronomen Tycho Brahe in dessen Observatorium auf der Insel Hven besucht.

Er kehrt schließlich nach Frankreich, seinem "Wonneland auf Erden", zurück. Aber die Wirren der Religions­kriege lassen ihn, der dem reformierten Glauben angehört, nicht zur Ruhe kommen, und er muss Frankreich wieder verlassen. In Wittenberg erfährt er von den Bluttaten der Bartholomäusnacht - wir schreiben den 24. August 1572. Die Vorsicht treibt ihn nach England und dann auf einer weiteren Odyssee abermals durch halb Europa.

In den 1580er Jahren kehrt er in seine Heimatstadt Cruseilles zurück und heiratet auf Wunsch der Eltern die der angesehenen Familie de Chiss entstammende Caspardina. Aber auch hier ereilt ihn der Krieg: Als seine Heimatstadt während der französisch-savoyischen Auseinandersetzungen geplündert wird, entkommt er mit Mühe und Not - seine Frau, so steht zu vermuten, ist wohl umgekommen. Das Wanderleben scheint kein Ende finden zu wollen, und er kommt nach Prag, wo er immerhin 30 Monate "mit sehr glänzendem Gehalt" verweilt. Auch in Wittenberg unterrichtet er längere Zeit und so erfolgreich, dass er schon beabsichtigt, sich dort niederzulassen.

Hier erscheinen 1593 seine ersten Veröffentlichungen, darunter die lateinisch-italienische Textsammlung "Flores Italici ac Latini sermonis" und die "Rede zu Ursprung und Vortrefflichkeit der französischen und italienischen Sprache". Doch die Religion vereitelt abermals, dass er sein "sehr reiches Honorar" in Ruhe genießen kann. Für einige Jahre noch begleitet er trotz des fortgeschrittenen Alters - Dulcis ist inzwischen Mitte 50 - junge Adelige auf ihren Reisen quer durch Europa.

"Da geschah es durch eine besondre Fügung Gottes", wie er in den Erinnerungen schreibt, "dass ihn der durchlauchtige und mächtige Fürst und Herr, Herr Moritz, Landgraf zu Hessen, gnädigst und mit eigenhändigem Schreiben zur Professur der fremden Sprachen nach Kassel berief." Wir sind inzwischen im Jahre 1602, und Dulcis ist 62 Jahre alt - doch noch immer, wie der Übersetzer der Erinnerungen festhält, "ein ansehnlicher Mann". Am 10. Juni 1603 heiratet Dulcis zum zweiten Male: Katharina Lersner, Tochter seines Kollegen Christoph Lersner, Professor der Rechte. Die Hochzeitsfeierlichkeiten finden im Schloss von Kassel statt - Ausdruck der Wertschätzung durch Landgraf Moritz.

1604 erscheint Dulcis' Komödie "Tobie", die er der jung vermählten Landgräfin Juliane widmet. Ein Jahr später, 1605, folgt das Werk, das als sein bekanntestes zu gelten hat: Ein rund 700 Seiten starkes Italienischlehrwerk, die "Schola Italica", Summe seines vorhergehenden Schaffens. Das Werk ist so erfolgreich, dass es noch lange nach seinem Tod immer wieder neu aufgelegt wird und bis 1643 mindestens sieben Ausgaben erfährt.

1605 ist auch das Jahr, in dem Dulcis vom Collegium Mauritianum in Kassel an die Universität Marburg berufen wird. Es scheint das einzige Mal zu sein, dass ihm sein Glaube von Vorteil ist: Nach der Hochzeit mit Juliane aus dem Hause Nassau-Dillenburg tritt Landgraf Moritz offen für den reformierten Glauben ein, was ein heftiges Personalkarussell unter der Marburger Professorenschaft zur Folge hat. Zugleich nutzt Moritz, der Griechisch und Latein, Französisch, Italienisch und Spanisch spricht, die Gelegenheit, für Dulcis einen neuen Lehrstuhl einzurichten: den Lehrstuhl für die so genannten "exotischen Sprachen", was heißt: für Italienisch und Französisch. Damit sind diese beiden Sprachen an einer deutschen Universität zum ersten Mal durch eine ordentliche Professur vertreten, was für Dulcis bedeutet, dass er eine Antrittsvorlesung hält (24.8.1605), vereidigt wird (18.3.1606), den professoralen Talar tragen sollte und ein Professorengehalt bezieht.

Im Vergleich zum vorhergehenden unsteten und unsicheren Wanderleben beginnt nun eine relativ ruhige und finanziell abgesicherte Zeit mit 200 Gulden Professoren­gehalt jährlich, und Dulcis erwirbt ein Haus in der Ritterstraße 11 unterhalb des landgräflichen Schlosses. Auch wenn ihn dies zunächst in Schulden stürzt, so wird sein Steuerkapital im Jahre 1624 immerhin auf 300 Reichstaler geschätzt.

Die Visitationsberichte, die das Leben an der Universität und die Arbeit der Professoren dokumentieren, vermerken, dass er zwei Stunden täglich öffentlich und privat unterrichtet. Man kritisiert jedoch, dass er bei Festen all zu "lustig" auftritt und den Studierenden ein schlechtes Beispiel gibt. Gerügt wird auch, dass er "in Hosen und Wams" statt im würdigen Talar eines Professors in seinem Garten in Weidenhausen anzutreffen ist, zumal man ihn in Verdacht hat, wie das Protokoll notiert, "anderer Leute halben" dorthin zu gehen - eine Formulierung, die wohl auf das weibliche Geschlecht anspielt. Das abschließende Urteil lautet: "Was die Sitten betrifft, ist er eben ein Franzos'!" - zumindest in den Augen der damaligen Visitatoren.

1618 erscheint in Marburg seine italienisch-französische Ausgabe von Tassos "Aminta". Damit wird das italienische Original zum ersten Mal im deutschen Raum als selbständige Druckschrift verlegt. Kurz vor Dulcis' Tod geben die Religionsstreitigkeiten, die sein gesamtes Dasein bestimmt hatten, seinem Leben abermals eine Wendung: 1623 fällt Marburg per Gerichtsentscheid an die Darmstädter Linie, und die 1607 als lutheranische Gegen-Lehrstätte gegründete Universität in Gießen, an der zahlreiche Marburger Professoren Zuflucht gefunden hatten, wird kurzerhand ins traditionsreiche und renommierte Marburg verlegt. Dulcis wird suspendiert, erhält jedoch aufgrund seines hohen Alters - er ist inzwischen über 80 - und in Anerkennung seiner Verdienste vom Landgrafen Ludwig von Hessen-Darmstadt ein "Gnadengehalt". Er stirbt, hochbetagt, in diesen Tagen vor 380 Jahren.

Prof. Dr. Isabel Zollna und Prof. Dr. Gabriele Beck-Busse

Rückfragen an Prof. Dr. Gabriele Beck-Busse, Institut für Romanische Philologie, Philipps-Universität Marburg, Wilhelm-Röpke-Str. 6 D, 35032 Marburg,
Email: sekretariat-beck-busse@staff.uni-marburg.de

 

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